Besonderheiten an einer Förderschule
Die Astrid-Lindgren-Schule ist, im Rahmen des Gesamtprojektes, die einzige Förderschule. Alle anderen Teilprojekte sind an Hauptschulen angesiedelt.
Bedingt durch vielfältige Unterschiede zwischen einer Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen und einer Hauptschule unterscheidet sich die Arbeit des Projektes Aktiv an der Astrid-Lindgren-Schule wesentlich von den anderen Teilprojekten. Folgende Besonderheiten fallen ins Gewicht:
- Die Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer sowie Unterrichtsgestaltung
Im Gegensatz zum Studium für das Lehramt für Grund-, Haupt- und Realschulen steht bei der Ausbildung von Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen die intensive Auseinandersetzung mit den Schwierigkeiten und Förderbedarfen ihrer zukünftigen Schülerinnen und Schüler im Vordergrund, was u. A. eine ganzheitliche Wahrnehmung derselben zur Folge hat. Die Unterrichtsgestaltung wird dementsprechend stärker von den Fähigkeiten und Bedürfnissen ihrer Schülerinnen und Schüler ausgehend geplant als von dem zu vermittelnden Lernstoff, denn der Bildungsauftrag muss mit dem Auftrag individueller Förderung in Einklang gebracht werden.
- Das Klassenlehrerprinzip
Da die Klassenlehrerin oder der Klassenlehrer ihre Klasse möglichst mehrere Jahre hindurch begleitet und einen Großteil ihrer Stunden in ihrer Klasse unterrichtet, besteht für sie die Möglichkeit einzelne Fächerstunden zu sinnvollen Blöcken zusammenzufassen. Zumal sie nicht an den 45-Minuten-Rhythmus gebunden ist.
Außerdem wird von Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen erwartet, dass sie fast jedes Fach unterrichten können und es gibt kaum Fachlehrerinnen,und Fachlehrer die eine bestimmte Stundenzahl in einem bestimmten Fach unterrichten müssen, so dass auch fächerübergreifendes Arbeiten leichter zu realisieren ist.
- Beratungstätigkeit der Lehrerinnen und Lehrer
Im Rahmen des Regionalen Integrationskonzeptes (RIK) unterrichtet ein Großteil der Lehrerinnen und Lehrer an ca. 2 Tagen pro Woche in der ihnen zugeteilten Grundschule, um dort in der Zusammenarbeit mit den jeweiligen Klassenlehrerinnen und Klassenlehrern die Schülerinnen und Schüler mit Lernschwierigkeiten zu fördern. Ziel dieser Maßnahme ist es, diese Schülerinnen und Schüler so lange wie möglich in der Grundschule integriert zu fördern, die Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer bei der Förderung dieser Schülerinnen und Schüler zu unterstützen und langfristig gesehen die Unterstufe der Förderschulen für Lernhilfe abzubauen. Damit zusammenhängend ist das Kollegium der Astrid-Lindgren-Schule außerdem zuständig für die Überprüfungen und Beratungsgutachten an 11 Grundschulen.
- Die Oberstufe
Im Gegensatz zu Klassenstärken an der Hauptschule liegt die Klassengröße in der Oberstufe bei durchschnittlich 12-15 Schülerinnen und Schüler pro Klasse (der Klassenfrequenzrichtwert für Förderschulen mit dem Schwerpunkt Lernen liegt derzeit bei 16 Schülerinnen und Schülern). Insgesamt werden im Projektzeitraum jeweils 90-99 Schülerinnen und Schüler in der Oberstufe unterrichtet. Dies ist eine vergleichsweise überschaubare Zielgruppe, so dass jeweils mit den kompletten Jahrgängen gearbeitet werden kann.
Die Oberstufe an der Astrid-Lindgren-Schule endet nach der 9. Klasse, so dass die Schülerinnen und Schüler schon relativ früh die Schule verlassen. Berufsvorbereitende Maßnahmen müssen deshalb schon beginnen bevor sie sich selbst mit dem Thema Berufswahl befassen. Das Fehlen des 10. Jahrgangs und somit auch der Anwesenheit von reiferen Schülerinnen und Schüler ist aber in mehrfacher Hinsicht ein Manko, z.B. für Streitschlichterprogramme.
- Zielgruppe des Aktivteams
Tatsächlich hat sich die Zielgruppe der Lernhilfeschulen in den letzten Jahren stark verändert. Es handelt sich nicht ausschließlich um Schülerinnen und Schüler, deren Lerntempo und Auffassungsgabe abweichen. Ein wachsender Anteil weist zusätzlich Verhaltensauffälligkeiten auf und zwar in einem Ausmaß, das die intensive Förderung der anderen Mitschülerinnen und Mitshüler oft beeinträchtigt. Neben den Verhaltensauffälligkeiten stehen bei einzelnen Schülerinnen und Schüler Wahrnehmungsstörungen und/oder Beeinträchtigungen in der motorischen Entwicklung in engem Zusammenhang mit ihrer Lernbehinderung. Deshalb gehört zu den Aufgaben des Aktivteams u. A. auch die feinmotorische Förderung als Grundlage zur Ausbildungsreife.
- Einsatz von Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen
Obwohl sehr viele Gründe für den Einsatz einer Sozialpädagogin oder eines Sozialpädagogen sprächen, ist momentan keine Einrichtung solcher Stellen an Förderschulen mit dem Schwerpunkt Lernen vorgesehen. Für die Arbeit des Aktivteams heißt dies, dass fast ausschließlich auf Lehrerinnen oder Lehrer als mögliche Multiplikatorinnen oder Multiplikatoren zurückgegriffen werden muss und fast alle Veränderungen im Rahmen des Unterrichtes bzw. der Ganztagsschule erfolgen müssen.
- Zukunftsaussichten der Schülerinnen und Schüler
Nur wenige Schülerinnen und Schüler beginnen ihre Schullaufbahn in der ersten Klasse der Astrid-Lindgren-Schule, die meisten kommen später als Seiteneinsteiger und müssen ihr Versagen in der „normalen“ Schule und die dazugehörige Frustration verarbeiten. Dies beeinträchtigt ihre Identifikation mit der Schule und die Bildung eines positiven Selbstbildes, teilweise wird Schulunlust verschärft. So erreichten in den zurückliegenden Jahren ca. 25 % der Schülerinnen und Schüler den Abschluss der Schule für Lernhilfe nicht, vielfach begründet in mangelnder Motivation, nicht ausreichendem Arbeits- und Sozialverhalten und/oder hoher Schulabstinenz. Hier zeigt sich die Notwendigkeit den Schülerinnen und Schüler Erfahrungen von Selbstwirksamkeit zu ermöglichen und ihre Sozialkompetenzen zu fördern, um ihnen eine positive emotionale und soziale Entwicklung zu ermöglichen. Das Aktivteam reagiert darauf u. A. mit der Projektwoche 2003 und erlebnispädagogischen Angeboten.
Die meisten Schülerinnen und Schüler verlassen die Schule nach 9 Schulbesuchsjahren mit dem Abschluss einer Förderschule für Lernhilfe und gehen überwiegend in berufsvorbereitende Maßnahmen über. Obwohl sie sich rein theoretisch auf viele Ausbildungsplätze bewerben könnten, haben sie im dualen Ausbildungssystem die geringsten Chancen eine Stelle zu bekommen. Insbesondere da die sich ständig ändernden Ausbildungsberufe immer höhere Anforderungen an die Auszubildenden stellen und aufgrund der schlechten Arbeitsmarktsituation eine starke Verdrängung durch Abgänger mit höheren Schulabschlüssen besteht. Tatsächlich werden die Abgänger einer Lernhilfeschule daher nur noch in sehr wenigen Berufen/Berufsbereichen tätig, was zumeist durch eine Ausbildung in besonderen Ausbildungsinstitutionen ermöglicht wird, wie z.B. Behindertenwerkstätten, überbetriebliche Bildungseinrichtungen etc. Die Leistungsfähigeren bemühen sich daher über einen nachgeholten Hauptschulabschluss ihre Chancen zu erhöhen.
Autorin: Angela Plentz

